TX-036: Difference between revisions
From Mark Twain in the German Language Press
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<td>Mark Twain ist zwar ein professioneller Humorist, aber warum sollte nicht ein Spaßmacher auch einmal eine ernste Frage behandeln, und zwar in ernster Weise?</td> | <td>Mark Twain ist zwar ein professioneller Humorist, aber warum sollte nicht ein Spaßmacher auch einmal eine ernste Frage behandeln, und zwar in ernster Weise?</td> | ||
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<td>Im neuesten Hefte von „Harpers Monthly Magazine“ thut er das denn auch, und zwar hat er sich da gleich solch ein kniffliges Thema wie die Judenfrage ausgewählt.</td> | <td>Im neuesten Hefte von „Harpers Monthly Magazine“ thut er das denn auch, und zwar hat er sich da gleich solch ein kniffliges Thema wie die Judenfrage ausgewählt.</td> | ||
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<td>Er erzählt auch, wie er zur Auswahl dieses Themas gekommen ist. Vor einiger Zeit hatte er nämlich in derselben Monatsschrift eine Schilderung über die bekannten Keilereien und Tumulte im österreichischen Reichsrathe bei Gelegenheit der Ausgleichsverhandlungen und die darauffolgenden Tumulte in Wien veröffentlicht und in Folge dieses Artikels waren ihm eine ganze Menge von Briefen zugegangen, in welcher die Briefsteller übereinstimmend Aufklärung über die folgende Frage zu erlangen wünschten: „Wie kommt es, daß - obgleich doch weder der „Ausgleich“ zwischen Oesterreich und Ungarn, noch die Sprachen-Frage irgend etwas mit den Juden oder dem Judenthume zu thun hatte - es grade die Juden waren, auf welche sich bei den Straßentumulten etc. der ganze Zorn und Unwillen des Volkes centrirte?“</td> | <td>Er erzählt auch, wie er zur Auswahl dieses Themas gekommen ist. Vor einiger Zeit hatte er nämlich in derselben Monatsschrift eine Schilderung über die bekannten Keilereien und Tumulte im österreichischen Reichsrathe bei Gelegenheit der Ausgleichsverhandlungen und die darauffolgenden Tumulte in Wien veröffentlicht und in Folge dieses Artikels waren ihm eine ganze Menge von Briefen zugegangen, in welcher die Briefsteller übereinstimmend Aufklärung über die folgende Frage zu erlangen wünschten: „Wie kommt es, daß - obgleich doch weder der „Ausgleich“ zwischen Oesterreich und Ungarn, noch die Sprachen-Frage irgend etwas mit den Juden oder dem Judenthume zu thun hatte - es grade die Juden waren, auf welche sich bei den Straßentumulten etc. der ganze Zorn und Unwillen des Volkes centrirte?“</td> | ||
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<td>Nun, seltsam, wie diese Erscheinung auch sein mag, so ist sie doch keineswegs neu. Gab es doch im Mittelalter auch stets Judenverfolgungen, wenn die Pest ausbrach oder wenn es Ueberschwemmungen oder Viehsterben gab. Die Juden waren eben Schuld daran - über das „wie“ und „warum“ zerbrach man sich damals eben so wenig den Kopf, wie man es jetzt in unserem „aufgeklärten“ Zeitalter thut!</td> | <td>Nun, seltsam, wie diese Erscheinung auch sein mag, so ist sie doch keineswegs neu. Gab es doch im Mittelalter auch stets Judenverfolgungen, wenn die Pest ausbrach oder wenn es Ueberschwemmungen oder Viehsterben gab. Die Juden waren eben Schuld daran - über das „wie“ und „warum“ zerbrach man sich damals eben so wenig den Kopf, wie man es jetzt in unserem „aufgeklärten“ Zeitalter thut!</td> | ||
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<td>Eine vernünftige und präcise Antwort läßt sich also auf obige Frage kaum ertheilen und deshalb zerlegt sich Mark Twain auch - der Fragestellung eines der erwähnten Briefschreiber entsprechend - die Beantwortung in eine Anzahl von Unterfragen und Thesen. Dieselben lauten:</td> | <td>Eine vernünftige und präcise Antwort läßt sich also auf obige Frage kaum ertheilen und deshalb zerlegt sich Mark Twain auch - der Fragestellung eines der erwähnten Briefschreiber entsprechend - die Beantwortung in eine Anzahl von Unterfragen und Thesen. Dieselben lauten:</td> | ||
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<td>Mark Twain meint, der Punkt 1 müsse ohne Weiteres zugegeben werden, Denn weder unter den Bummlern, noch unter den Bettlern, Säufern, Krakehlern finde man ihn. Auch zu den schweren Verbrechen stellt das Judenthum nur einen ganz verschwindenden Bruchtheil. Das Familienleben der Juden gilt von jeher alls musterhaft und es geschieht auch nur ausnahmsweise, daß ein Jude der öffentlichen Wohlthätigkeitspflege zur Llast fällt. Freilich fehlt es den Juden auch nicht an weniger rühmlichen Zügen. Man sagt ihnen Mangel an Skrupulosität in geschäftlichen Transaktionen nach und wenn ein Jude vor Gericht zu erscheinen hat, geschieht es auch selten aus einem anderen Grunde, als einem derartigen. Wenn aber ein Christ aus demselben Grunde vor Gericht erscheint, fällt es niemandem ein, seine Eigenschaft alls Christ zu betonen, im anderen Falle verfehlt man aber nicht, bedeutungsvoll zu sagen: Natürlich mal wieder ein Jude!</td> | <td>Mark Twain meint, der Punkt 1 müsse ohne Weiteres zugegeben werden, Denn weder unter den Bummlern, noch unter den Bettlern, Säufern, Krakehlern finde man ihn. Auch zu den schweren Verbrechen stellt das Judenthum nur einen ganz verschwindenden Bruchtheil. Das Familienleben der Juden gilt von jeher alls musterhaft und es geschieht auch nur ausnahmsweise, daß ein Jude der öffentlichen Wohlthätigkeitspflege zur Llast fällt. Freilich fehlt es den Juden auch nicht an weniger rühmlichen Zügen. Man sagt ihnen Mangel an Skrupulosität in geschäftlichen Transaktionen nach und wenn ein Jude vor Gericht zu erscheinen hat, geschieht es auch selten aus einem anderen Grunde, als einem derartigen. Wenn aber ein Christ aus demselben Grunde vor Gericht erscheint, fällt es niemandem ein, seine Eigenschaft alls Christ zu betonen, im anderen Falle verfehlt man aber nicht, bedeutungsvoll zu sagen: Natürlich mal wieder ein Jude!</td> | ||
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<td>Was den Punkt 2 anlangt, so theilt Mark Twain eine charakteristische Reminiszenz aus seiner im Mississippi-Thale verlebten Jugend mit. Wie man in Wien die Juden haßt, so haßte man dort zu jener Zeit den ...... Yankee, d. h. den schlauen, umsichtigen, erfahrenen, fleißigen und dadurch dem „Westerner“ weit überlegenen Mann aus den Neu-England- Staaten. Die Religion und die Rasse hatte damit absolut nichts zu thun, wohl aber die geschäftliche Concurrenz oder der ... Brotneid! Das gilt auch von den Juden und das galt von ihnen zu allen Zeiten und in allen Ländern.</td> | <td>Was den Punkt 2 anlangt, so theilt Mark Twain eine charakteristische Reminiszenz aus seiner im Mississippi-Thale verlebten Jugend mit. Wie man in Wien die Juden haßt, so haßte man dort zu jener Zeit den ...... Yankee, d. h. den schlauen, umsichtigen, erfahrenen, fleißigen und dadurch dem „Westerner“ weit überlegenen Mann aus den Neu-England- Staaten. Die Religion und die Rasse hatte damit absolut nichts zu thun, wohl aber die geschäftliche Concurrenz oder der ... Brotneid! Das gilt auch von den Juden und das galt von ihnen zu allen Zeiten und in allen Ländern.</td> | ||
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<td>Ja, und gilt das nicht auch im ganzen Gebiete der Ver. Staaten von den Deutschen? Es kann daher kaum etwas Abgeschmackteres und Törichteres geben, als einen deutsch-amerikanischen Antisemiten, denn es sind - more or less - genau dieselben Ursachen, welche den “Dutchman” unbeliebt machen, als die, welche zur Judenhetze die Parole geben.</td> | <td>Ja, und gilt das nicht auch im ganzen Gebiete der Ver. Staaten von den Deutschen? Es kann daher kaum etwas Abgeschmackteres und Törichteres geben, als einen deutsch-amerikanischen Antisemiten, denn es sind - more or less - genau dieselben Ursachen, welche den “Dutchman” unbeliebt machen, als die, welche zur Judenhetze die Parole geben.</td> | ||
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<td>Ein Berliner antisemitischer Agitator, welcher die Austreibung der Juden aus dem deutschen Reiche verlangte, war naiv genug, dafür den folgenden Grund anzugeben: weil 85 Procent alller erfolgreichen Advocaten Berlins Juden seien und weil annähernd derselbe Procentsatz für alle Geschäftsleute in Deutschland bestehe. Ist das nicht ein erstaunliches Bekenntniß! Namentlich wenn man in Erwägung zieht, daß es unter den 52 Millionen Einwohnern des deutschen Reiches nur 500,000 Juden giebt!</td> | <td>Ein Berliner antisemitischer Agitator, welcher die Austreibung der Juden aus dem deutschen Reiche verlangte, war naiv genug, dafür den folgenden Grund anzugeben: weil 85 Procent alller erfolgreichen Advocaten Berlins Juden seien und weil annähernd derselbe Procentsatz für alle Geschäftsleute in Deutschland bestehe. Ist das nicht ein erstaunliches Bekenntniß! Namentlich wenn man in Erwägung zieht, daß es unter den 52 Millionen Einwohnern des deutschen Reiches nur 500,000 Juden giebt!</td> | ||
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<td>Die Frage, ob die Juden etwas thun können, um ihre Lage zu verbessern, beantwortet Mark Twain in bejahendem Sinne. Und zwar erblickt er solch ein Mittel in der Organisation der Juden in politischem Sinne, wie sie sich bereits zu wohlthätigen Zwecken organisirt hätten. Gleichzeitig hält er aber auch die Concentrations-Bewegung für sehr wichtig für das Judenthum, wie sie sich zu den Bestrebungen der Zionisten darstellt.</td> | <td>Die Frage, ob die Juden etwas thun können, um ihre Lage zu verbessern, beantwortet Mark Twain in bejahendem Sinne. Und zwar erblickt er solch ein Mittel in der Organisation der Juden in politischem Sinne, wie sie sich bereits zu wohlthätigen Zwecken organisirt hätten. Gleichzeitig hält er aber auch die Concentrations-Bewegung für sehr wichtig für das Judenthum, wie sie sich zu den Bestrebungen der Zionisten darstellt.</td> | ||
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<td>Was den Punkt 4 anlangt, so erblickt Mark Twain darin durchaus nichts Rühmliches, glaubt es aber auch nicht. Uebrigens würde dieser Mangel an Parteinahme auch so wie so durch die Organisations und Concentration beseitigt werden.</td> | <td>Was den Punkt 4 anlangt, so erblickt Mark Twain darin durchaus nichts Rühmliches, glaubt es aber auch nicht. Uebrigens würde dieser Mangel an Parteinahme auch so wie so durch die Organisations und Concentration beseitigt werden.</td> | ||
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<td>Den 5. Punkt, der sich auf die voraussichtliche Dauer der Judenverfolgung bezieht, beantwortet Mark Twain in dem Sinne, daß diese Verfolgung als eine religiöse bereits aufgehört habe, daß sie aber vermuthlich in der Form des Rassenvorurtheils und des Geschäftsneides nie aufhören werde, wenn sich diese Antipathie auch mit der fortschreitenden Civilisation immer mehr ausgleichen und abschwächen werde.</td> | <td>Den 5. Punkt, der sich auf die voraussichtliche Dauer der Judenverfolgung bezieht, beantwortet Mark Twain in dem Sinne, daß diese Verfolgung als eine religiöse bereits aufgehört habe, daß sie aber vermuthlich in der Form des Rassenvorurtheils und des Geschäftsneides nie aufhören werde, wenn sich diese Antipathie auch mit der fortschreitenden Civilisation immer mehr ausgleichen und abschwächen werde.</td> | ||
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<td>Von der praktischen Bedeutung der im Punkt 6 figurirenden goldenen Regel der Gerechtigkeit hält Mark Twain nicht viel. Es sei, meint er, mehr so eine Art von Schau- und Paradestück, als ein Artikel für den täglichen Hausgebrauch.</td> | <td>Von der praktischen Bedeutung der im Punkt 6 figurirenden goldenen Regel der Gerechtigkeit hält Mark Twain nicht viel. Es sei, meint er, mehr so eine Art von Schau- und Paradestück, als ein Artikel für den täglichen Hausgebrauch.</td> | ||
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<td>Mark Twains Ausführungen über die Judenfrage schließen mit den folgenden bemerkenswerthen Betrachtungen:</td> | <td>Mark Twains Ausführungen über die Judenfrage schließen mit den folgenden bemerkenswerthen Betrachtungen:</td> | ||
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Revision as of 15:34, 18 August 2025
Sonntagsbetrachtungen | 23 Sep 1899
Freie Presse für Texas. San Antonio [TX], 23 Sep 1899. Chronicling America: Historic American Newspapers, Lib. of Congress, https://chroniclingamerica.loc.gov/lccn/sn83045227/1899-09-23/ed-1/seq-4/.
The text "Concerning the Jews" by Mark Twain was first published in Harper's Magazine (99:592, 527–535). The following article presents a summary of Twain's main points and comments on them. Two shorter passages are directly translated, namely the list of the six main points and the concluding paragraph.
Changes in the translation are indicated as follows:
- Inserts; not present in the English original: {in green}
- Changes in word choice or meaning ⟦in blue⟧
- Omissions; not included in the German translation ⟪in red⟫
| Transcription | English Translation |
|---|---|
| Sonntagsbetrachtungen | Sunday Reflections |
| Mark Twain ist zwar ein professioneller Humorist, aber warum sollte nicht ein Spaßmacher auch einmal eine ernste Frage behandeln, und zwar in ernster Weise? | |
| Im neuesten Hefte von „Harpers Monthly Magazine“ thut er das denn auch, und zwar hat er sich da gleich solch ein kniffliges Thema wie die Judenfrage ausgewählt. | |
| Er erzählt auch, wie er zur Auswahl dieses Themas gekommen ist. Vor einiger Zeit hatte er nämlich in derselben Monatsschrift eine Schilderung über die bekannten Keilereien und Tumulte im österreichischen Reichsrathe bei Gelegenheit der Ausgleichsverhandlungen und die darauffolgenden Tumulte in Wien veröffentlicht und in Folge dieses Artikels waren ihm eine ganze Menge von Briefen zugegangen, in welcher die Briefsteller übereinstimmend Aufklärung über die folgende Frage zu erlangen wünschten: „Wie kommt es, daß - obgleich doch weder der „Ausgleich“ zwischen Oesterreich und Ungarn, noch die Sprachen-Frage irgend etwas mit den Juden oder dem Judenthume zu thun hatte - es grade die Juden waren, auf welche sich bei den Straßentumulten etc. der ganze Zorn und Unwillen des Volkes centrirte?“ | |
| Nun, seltsam, wie diese Erscheinung auch sein mag, so ist sie doch keineswegs neu. Gab es doch im Mittelalter auch stets Judenverfolgungen, wenn die Pest ausbrach oder wenn es Ueberschwemmungen oder Viehsterben gab. Die Juden waren eben Schuld daran - über das „wie“ und „warum“ zerbrach man sich damals eben so wenig den Kopf, wie man es jetzt in unserem „aufgeklärten“ Zeitalter thut! | |
| Eine vernünftige und präcise Antwort läßt sich also auf obige Frage kaum ertheilen und deshalb zerlegt sich Mark Twain auch - der Fragestellung eines der erwähnten Briefschreiber entsprechend - die Beantwortung in eine Anzahl von Unterfragen und Thesen. Dieselben lauten: | |
| 1) Die Juden sind ordnungsliebende, ruhige Bürger. 2) Können Unwissenheit und Fanatismus allein die ungerechte Behandlung der Juden erklärlich machen? 3) Können die Juden irgendetwas thun, um ihre Lage zu verbessern? 4) Die Juden haben keine Partei - sie sind gewissermaßen parteilos. 5) Wird die Judenverfolgung jemals ein Ende nehmen? 6) Was ist aus dem Gerechtigkeitsgefühl geworden? |
1. The Jew is a well-behaved citizen. 2. Can ignorance and fanaticism alone account for his unjust treatment? 3. Can Jews do anything to improve the situation? 4. The Jews have no party; they are non-participants. 5. Will the persecution ever come to an end? 6. What has become of the Golden Rule ⟦translated as "the sense of justice"⟧? ⟪extensive omission⟫ |
| Mark Twain meint, der Punkt 1 müsse ohne Weiteres zugegeben werden, Denn weder unter den Bummlern, noch unter den Bettlern, Säufern, Krakehlern finde man ihn. Auch zu den schweren Verbrechen stellt das Judenthum nur einen ganz verschwindenden Bruchtheil. Das Familienleben der Juden gilt von jeher alls musterhaft und es geschieht auch nur ausnahmsweise, daß ein Jude der öffentlichen Wohlthätigkeitspflege zur Llast fällt. Freilich fehlt es den Juden auch nicht an weniger rühmlichen Zügen. Man sagt ihnen Mangel an Skrupulosität in geschäftlichen Transaktionen nach und wenn ein Jude vor Gericht zu erscheinen hat, geschieht es auch selten aus einem anderen Grunde, als einem derartigen. Wenn aber ein Christ aus demselben Grunde vor Gericht erscheint, fällt es niemandem ein, seine Eigenschaft alls Christ zu betonen, im anderen Falle verfehlt man aber nicht, bedeutungsvoll zu sagen: Natürlich mal wieder ein Jude! | |
| Was den Punkt 2 anlangt, so theilt Mark Twain eine charakteristische Reminiszenz aus seiner im Mississippi-Thale verlebten Jugend mit. Wie man in Wien die Juden haßt, so haßte man dort zu jener Zeit den ...... Yankee, d. h. den schlauen, umsichtigen, erfahrenen, fleißigen und dadurch dem „Westerner“ weit überlegenen Mann aus den Neu-England- Staaten. Die Religion und die Rasse hatte damit absolut nichts zu thun, wohl aber die geschäftliche Concurrenz oder der ... Brotneid! Das gilt auch von den Juden und das galt von ihnen zu allen Zeiten und in allen Ländern. | |
| Ja, und gilt das nicht auch im ganzen Gebiete der Ver. Staaten von den Deutschen? Es kann daher kaum etwas Abgeschmackteres und Törichteres geben, als einen deutsch-amerikanischen Antisemiten, denn es sind - more or less - genau dieselben Ursachen, welche den “Dutchman” unbeliebt machen, als die, welche zur Judenhetze die Parole geben. | |
| Ein Berliner antisemitischer Agitator, welcher die Austreibung der Juden aus dem deutschen Reiche verlangte, war naiv genug, dafür den folgenden Grund anzugeben: weil 85 Procent alller erfolgreichen Advocaten Berlins Juden seien und weil annähernd derselbe Procentsatz für alle Geschäftsleute in Deutschland bestehe. Ist das nicht ein erstaunliches Bekenntniß! Namentlich wenn man in Erwägung zieht, daß es unter den 52 Millionen Einwohnern des deutschen Reiches nur 500,000 Juden giebt! | |
| Die Frage, ob die Juden etwas thun können, um ihre Lage zu verbessern, beantwortet Mark Twain in bejahendem Sinne. Und zwar erblickt er solch ein Mittel in der Organisation der Juden in politischem Sinne, wie sie sich bereits zu wohlthätigen Zwecken organisirt hätten. Gleichzeitig hält er aber auch die Concentrations-Bewegung für sehr wichtig für das Judenthum, wie sie sich zu den Bestrebungen der Zionisten darstellt. | |
| Was den Punkt 4 anlangt, so erblickt Mark Twain darin durchaus nichts Rühmliches, glaubt es aber auch nicht. Uebrigens würde dieser Mangel an Parteinahme auch so wie so durch die Organisations und Concentration beseitigt werden. | |
| Den 5. Punkt, der sich auf die voraussichtliche Dauer der Judenverfolgung bezieht, beantwortet Mark Twain in dem Sinne, daß diese Verfolgung als eine religiöse bereits aufgehört habe, daß sie aber vermuthlich in der Form des Rassenvorurtheils und des Geschäftsneides nie aufhören werde, wenn sich diese Antipathie auch mit der fortschreitenden Civilisation immer mehr ausgleichen und abschwächen werde. | |
| Von der praktischen Bedeutung der im Punkt 6 figurirenden goldenen Regel der Gerechtigkeit hält Mark Twain nicht viel. Es sei, meint er, mehr so eine Art von Schau- und Paradestück, als ein Artikel für den täglichen Hausgebrauch. | |
| Mark Twains Ausführungen über die Judenfrage schließen mit den folgenden bemerkenswerthen Betrachtungen: | |
| „Wenn die Statistik richtig ist, dann bilden die Juden nur ein Procent der Bevölkerung des Erdballes. Danach sollte man von den Juden eigentlich fast gar Nichts zu hören bekommen, aber das Gegentheil ist der Fall. Die Juden, obwohl keine geschlossene Nation, spielen auf diesem Planeten eine so hervorragende Rolle, wie irgend ein anderes Volk. Was aber die commercielle Bedeutung dieses Volkes anlangt, so steht dieselbe in einen [sic] gradezu verblüffenden Widerspruch zur Kopfzahl. Auch die Vertretung, welche das Judenthum unter den großen Namen der Literatur, der Kunst und Wissenschaft, der Finanz, der Medicin und der abstrakten Gelehrsamkeit aufzuweisen hat, steht außer allem Verhältniß zu der geringen Gesamtzahl der Juden. Zu allen Zeiten haben die Juden schwere Kämpfe durchzumachen gehabt, oft genug so zu sagen mit gebundenen Händen, und sie haben diese Kämpfe so bestanden, daß sie stolz darauf sein können. Aegypter, Perser und Babylonier stiegen empor und spielten ihre Rolle in der Weltgeschichte, um dann wieder in Vergessenheit zurückzusinken, Griechen und Römer folgten - und erfülllten die Welt mit ihrem Ruhm. Aber auch sie sind lägst dahin geschwunden. Andere Völker stiegen mit hellem Glanze empor und sitzen jetzt schon wieder im Halbdunkel oder sind ganz untergegangen. Nur der Jude sah sie kommen und gehen, überlebte sie alle und ist heute noch, was er immer war, ohne auch nur ein Anzeichen des Verfalles zur Schau zu tragen, oder Altersschwäche oder Kräfte-Verfall und Verlust der geistigen Spannkraft. Es scheint, als ob Alles sterblich ist, bis auf den Juden. Alle anderen Kräfte schwinden, aber er bleibt! Worin liegt das Geheimnis dieser Unsterblichkeit des Judenthums?“ | “If the statistics are right, the Jews constitute but one per cent of the human race. ⟪It suggests a nebulous dim puff of star-dust lost in the blaze of the Milky Way.⟫ Properly the Jew ought hardly to be heard of; but he is heard of, has always been heard of. He is as prominent on the planet as any other people, and his commercial importance is extravagantly out of proportion to the smallness of his bulk. His contributions to the world’s list of great names in literature, science, art, music, finance, medicine, and abstruse learning are also away out of proportion to the weakness of his numbers. He has made a marvellous fight in this world, in all the ages; and has done it with his hands tied behind him. He could be vain of himself, and be excused for it. The Egyptian, the Babylonian, and the Persian rose, filled the planet with sound and splendour, then faded to dream-stuff and passed away; the Greek and the Roman followed, and made a vast noise, and they are gone; other peoples have sprung up and held their torch high for a time, but it burned out, and they sit in twilight now, or have vanished. The Jew saw them all, beat them all, and is now what he always was, exhibiting no decadence, no infirmities of age, no weakening of his parts, no slowing of his energies, no dulling of his alert and aggressive mind. All things are mortal to the Jew; all other forces pass, but he remains. What is the secret of his immortality?” |
