CA-001: Difference between revisions
From Mark Twain in the German Language Press
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<td>(Von Ernst Otto Hopp.)</td> | <td>(Von Ernst Otto Hopp.)</td> | ||
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<td>Auf dem Neuen Kontinent konnte sich der Humor nur langsam entwickeln. Die Schwielenhand, welche den Urwald zu lichten, zu pflügen und zu hacken hatte, gab sich mit der Pflege der Blumen nicht viel ab, und der Puritanismus war von vornherein der Lebenslust und der Freude abhold. Der Methodismus, der später hereinbrach, die demokratische Religion der Massen, die keine Bildung gebrauchte und anerkannte, versengt die Felder des Geistes. Die beiden Jahrzehnte der dreißiger und vierziger Jahre waren für die Union die unerquicklichsten; allgemein hatte ein roher Ton Platz gegriffen, der Nutzen war das Idol der Häupter des Volkes und wurde als das goldene Kalb der großen Menge angesehen. Der große Rebellenkampf reinigte die Luft, obwohl er durchaus kein frischer, fröhlicher Krieg, sondern ein Trauerspiel voll Haß und Rache, ein beispielloses Würgen und Morden war.</td> | <td>Auf dem Neuen Kontinent konnte sich der Humor nur langsam entwickeln. Die Schwielenhand, welche den Urwald zu lichten, zu pflügen und zu hacken hatte, gab sich mit der Pflege der Blumen nicht viel ab, und der Puritanismus war von vornherein der Lebenslust und der Freude abhold. Der Methodismus, der später hereinbrach, die demokratische Religion der Massen, die keine Bildung gebrauchte und anerkannte, versengt die Felder des Geistes. Die beiden Jahrzehnte der dreißiger und vierziger Jahre waren für die Union die unerquicklichsten; allgemein hatte ein roher Ton Platz gegriffen, der Nutzen war das Idol der Häupter des Volkes und wurde als das goldene Kalb der großen Menge angesehen. Der große Rebellenkampf reinigte die Luft, obwohl er durchaus kein frischer, fröhlicher Krieg, sondern ein Trauerspiel voll Haß und Rache, ein beispielloses Würgen und Morden war.</td> | ||
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<td>Der pathetische, oft unter Thränen lächelnde Humor Bret Hartes, dessen beste Zeit vorüber zu sein scheint, da die letzten Werke des Autors nicht mehr die frische Ursprünglichkeit der älteren zeigen, steht in einem großen Gegensatz zu der ausnehmend lustigen und stetig lachenden Muse Mark Twains. Samuel Clemens - das ist sein bürgerlicher Name - wird von Einigen, doch mit Unrecht, wie mir dünkt, überhaupt nicht für einen Dichter, sondern vielmehr für einen Spaßvogel und Lustigmacher gehalten; selbst wenn er ernsthaft zu sein vorgibt, hat er etwas ungemein Komisches, er weiß eine so rührende Naivetät anzunehmen, daß selbst das Absurde mit einer Ungezwungenheit und Ungekünsteltheit, die etwas Hinreißendes hat, von ihm vorgebracht wird. Wer seinen „Strolch auf Reisen“ lesen kann, ohne sich an den zahllosen Hyperbeln herzlich zu ergötzen, der hat überhaupt keinen Sinn für Humor, und wer im Ausland lange gelebt und erfahren hat, eine wie schwierige Sprache die deutsche ist - der in Deutschland Geborene, der nur in Deutschland gewesen ist, weiß es meistentheils gar nicht - der wird auch die Bemerkungen Twains über unsere Sprache nicht als gehässige auffassen.</td> | <td>Der pathetische, oft unter Thränen lächelnde Humor Bret Hartes, dessen beste Zeit vorüber zu sein scheint, da die letzten Werke des Autors nicht mehr die frische Ursprünglichkeit der älteren zeigen, steht in einem großen Gegensatz zu der ausnehmend lustigen und stetig lachenden Muse Mark Twains. Samuel Clemens - das ist sein bürgerlicher Name - wird von Einigen, doch mit Unrecht, wie mir dünkt, überhaupt nicht für einen Dichter, sondern vielmehr für einen Spaßvogel und Lustigmacher gehalten; selbst wenn er ernsthaft zu sein vorgibt, hat er etwas ungemein Komisches, er weiß eine so rührende Naivetät anzunehmen, daß selbst das Absurde mit einer Ungezwungenheit und Ungekünsteltheit, die etwas Hinreißendes hat, von ihm vorgebracht wird. Wer seinen „Strolch auf Reisen“ lesen kann, ohne sich an den zahllosen Hyperbeln herzlich zu ergötzen, der hat überhaupt keinen Sinn für Humor, und wer im Ausland lange gelebt und erfahren hat, eine wie schwierige Sprache die deutsche ist - der in Deutschland Geborene, der nur in Deutschland gewesen ist, weiß es meistentheils gar nicht - der wird auch die Bemerkungen Twains über unsere Sprache nicht als gehässige auffassen.</td> | ||
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<td>Das sind in der That lange Worte, es gibt sogar noch schlimmere; und Mark Twains geringe Sprachkenntniß und oberflächliche Bildung verleiten ihn zu schiefen Urtheilen, die indeß nichts besonderes Feindliches vorstellen. Die meisten Amerikaner haben gar wunderliche Vorstellungen vom deutschen Leben, sie kennen sehr selten etwas von deutscher Geschichte und Kulturgeschichte und legen gewöhnlich einen Maßstab an, der nicht paßt - die englisch amerikanische[n] Vorstellungen über die Lebenskunst sind so gar dürftig! Es ist natürlich auch wieder eine Uebertreibung, wenn Twain sagt, englisch könne man in 30 Stunden, französisch in 30 Tagen und deutsch in 30 Jahren lernen, aber ganz richtig ist es, daß unsere deutsche Sprache bei Weitem für die schwerste gehalten werden muß.</td> | <td>Das sind in der That lange Worte, es gibt sogar noch schlimmere; und Mark Twains geringe Sprachkenntniß und oberflächliche Bildung verleiten ihn zu schiefen Urtheilen, die indeß nichts besonderes Feindliches vorstellen. Die meisten Amerikaner haben gar wunderliche Vorstellungen vom deutschen Leben, sie kennen sehr selten etwas von deutscher Geschichte und Kulturgeschichte und legen gewöhnlich einen Maßstab an, der nicht paßt - die englisch amerikanische[n] Vorstellungen über die Lebenskunst sind so gar dürftig! Es ist natürlich auch wieder eine Uebertreibung, wenn Twain sagt, englisch könne man in 30 Stunden, französisch in 30 Tagen und deutsch in 30 Jahren lernen, aber ganz richtig ist es, daß unsere deutsche Sprache bei Weitem für die schwerste gehalten werden muß.</td> | ||
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<td>Ist Mark Twain scharf und lustig, rauh und zu weit ausgesponnen, wenig pathetisch und paradox, dabei aber oft erquickend wahr, frisch und originell-amerikanisch, so erscheint Thomas Bailey Aldrich, der im Ausland weniger bekannt geworden ist, künstlerisch weit vollendeter, fein und liebenswürdig und nicht selten so tief empfindend, wie kaum ein Amerikaner vor und nach ihm.</td> | <td>Ist Mark Twain scharf und lustig, rauh und zu weit ausgesponnen, wenig pathetisch und paradox, dabei aber oft erquickend wahr, frisch und originell-amerikanisch, so erscheint Thomas Bailey Aldrich, der im Ausland weniger bekannt geworden ist, künstlerisch weit vollendeter, fein und liebenswürdig und nicht selten so tief empfindend, wie kaum ein Amerikaner vor und nach ihm.</td> | ||
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Revision as of 12:35, 3 July 2025
Amerikanische Humoristen | 4 Jun 1887
Süd California Deutsche zeitung. San Diego [CA], 4 Jun 1887. https://chroniclingamerica.loc.gov/lccn/sn85033492/1871-12-12/ed-1/seq-2/, {{{source-link}}}.
Changes in the translation are indicated as follows:
- Inserts; not present in the English original: {in green}
- Changes in word choice or meaning ⟦in blue⟧
- Omissions; not included in the German translation ⟪in red⟫
| Transcription | English Translation |
|---|---|
| Amerikanische Humoristen. | American Humorists. |
| (Von Ernst Otto Hopp.) | |
| Auf dem Neuen Kontinent konnte sich der Humor nur langsam entwickeln. Die Schwielenhand, welche den Urwald zu lichten, zu pflügen und zu hacken hatte, gab sich mit der Pflege der Blumen nicht viel ab, und der Puritanismus war von vornherein der Lebenslust und der Freude abhold. Der Methodismus, der später hereinbrach, die demokratische Religion der Massen, die keine Bildung gebrauchte und anerkannte, versengt die Felder des Geistes. Die beiden Jahrzehnte der dreißiger und vierziger Jahre waren für die Union die unerquicklichsten; allgemein hatte ein roher Ton Platz gegriffen, der Nutzen war das Idol der Häupter des Volkes und wurde als das goldene Kalb der großen Menge angesehen. Der große Rebellenkampf reinigte die Luft, obwohl er durchaus kein frischer, fröhlicher Krieg, sondern ein Trauerspiel voll Haß und Rache, ein beispielloses Würgen und Morden war. | |
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| Der pathetische, oft unter Thränen lächelnde Humor Bret Hartes, dessen beste Zeit vorüber zu sein scheint, da die letzten Werke des Autors nicht mehr die frische Ursprünglichkeit der älteren zeigen, steht in einem großen Gegensatz zu der ausnehmend lustigen und stetig lachenden Muse Mark Twains. Samuel Clemens - das ist sein bürgerlicher Name - wird von Einigen, doch mit Unrecht, wie mir dünkt, überhaupt nicht für einen Dichter, sondern vielmehr für einen Spaßvogel und Lustigmacher gehalten; selbst wenn er ernsthaft zu sein vorgibt, hat er etwas ungemein Komisches, er weiß eine so rührende Naivetät anzunehmen, daß selbst das Absurde mit einer Ungezwungenheit und Ungekünsteltheit, die etwas Hinreißendes hat, von ihm vorgebracht wird. Wer seinen „Strolch auf Reisen“ lesen kann, ohne sich an den zahllosen Hyperbeln herzlich zu ergötzen, der hat überhaupt keinen Sinn für Humor, und wer im Ausland lange gelebt und erfahren hat, eine wie schwierige Sprache die deutsche ist - der in Deutschland Geborene, der nur in Deutschland gewesen ist, weiß es meistentheils gar nicht - der wird auch die Bemerkungen Twains über unsere Sprache nicht als gehässige auffassen. | |
| „Einige deutsche Worte sind so lang, daß sie eine Perspektive haben. Man beachte diese Beispiele: Freundschaftsbezeigungen - Dilettantenaufdringlichkeiten - Stadtverordnetenversammlungen - das sind keine Worte, es sind alphabetischen Processionen. Und sie sind nicht selten; man kann zu irgend welcher Zeit eine deutsche Zeitung öffnen und sie majestätisch über die Seite marschiren sehen - und wenn man etwas Einbildungskraft besitzt, kann man auch die Banner sehen und die Musik hören. Ich nehme großes Interesse an diesen Seltsamkeiten. Immer wenn ich auf eine gute stoße, stopfe ich sie aus und stelle sie in mein Museum. Auf diese Weise habe ich mir eine ganz werthvolle Sammlung angelegt. Wenn ich Duplikate erhalte, tausche ich sie mit anderen Sammlungen aus und vermehre solchermaßen die Abwechslungung [sic] meines Inventariums. Hier sind etliche Beweisstücke, die ich kürzlich auf einer Auktion eines Curiositätensammlers gekauft habe: Generalstaatsverordnetenversammlung - Alterthumswissenschaften - Kinderbewahrungsanstalten - Unabhängigkeitserklärungen - Widerherstellungsbestrebungen - Waffenstillstandsverhandlungen.“ | “Some German words are so long that they have a perspective. Observe these examples: Freundschaftsbezeigungen. Dilettantenaufdringlichkeiten. Stadtverordnetenversammlungen. These things are not words, they are alphabetical processions. And they are not rare; one can open a German newspaper at any time and see them marching majestically across the page - and if he has any imagination he can see the banners and hear the music, too. ⟪They impart a martial thrill to the meekest subject.⟫ I take a great interest in these curiosities. Whenever I come across a good one, I stuff it and put it in my museum. In this way I have made quite a valuable collection. When I get duplicates, I exchange with other collectors, and thus increase the variety of my stock. Here are some specimens which I lately bought at an auction sale of the effects of a ⟪bankrupt⟫ bric-a-brac hunter: Generalstaatsverordnetenversammlungen. Alterthumswissenschaften. Kinderbewahrungsanstalten. Unabhängigkeitserklärungen. Wiedererstellungbestrebungen. Waffenstillstandsunterhandlungen ⟦"Waffenstillstandsverhandlungen"⟧.” |
| Das sind in der That lange Worte, es gibt sogar noch schlimmere; und Mark Twains geringe Sprachkenntniß und oberflächliche Bildung verleiten ihn zu schiefen Urtheilen, die indeß nichts besonderes Feindliches vorstellen. Die meisten Amerikaner haben gar wunderliche Vorstellungen vom deutschen Leben, sie kennen sehr selten etwas von deutscher Geschichte und Kulturgeschichte und legen gewöhnlich einen Maßstab an, der nicht paßt - die englisch amerikanische[n] Vorstellungen über die Lebenskunst sind so gar dürftig! Es ist natürlich auch wieder eine Uebertreibung, wenn Twain sagt, englisch könne man in 30 Stunden, französisch in 30 Tagen und deutsch in 30 Jahren lernen, aber ganz richtig ist es, daß unsere deutsche Sprache bei Weitem für die schwerste gehalten werden muß. | |
| Ist Mark Twain scharf und lustig, rauh und zu weit ausgesponnen, wenig pathetisch und paradox, dabei aber oft erquickend wahr, frisch und originell-amerikanisch, so erscheint Thomas Bailey Aldrich, der im Ausland weniger bekannt geworden ist, künstlerisch weit vollendeter, fein und liebenswürdig und nicht selten so tief empfindend, wie kaum ein Amerikaner vor und nach ihm. | |
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